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Andreas Hanske

SKURRIL – Malerei

Galerie im Mischhaus
Juli 2008

Provinz – Provinz hoch drei
Hanskes letzte Einzelausstellung – lang, lang ist‘s her – war 2001 im Lindenau-Museum Altenburg und damit in der tiefsten deutschen Provinz. Wenn man hier in Deutschland den Begriff der Provinz hört, denkt man nicht mehr an die römischen Kolonien, sondern an Weimar, an Heidelberg und Stuttgart, an Freiburg oder eben Altenburg, wo ein aufgeklärter Fürst die Bildung unter das Volk (und sich selbst zu den Mätressen am Theater) bringen wollte. Also an beste europäische Tradition, die uns das gebracht hat, wovon wir heute profitieren – Aufklärung, Wissenschaft, Bildung, Fortschritt und sozialen Kapitalismus.

Andreas Hanske

Andreas Hanske

Natürlich ist auch Leipzig Provinz – Provinz in diesem besten Sinne. Und in Leipzig ist Stötteritz nun wieder Provinz und in Stötteritz der Verein Mischhaus e.V.

Also Provinz in der Provinz in der Provinz, womit sich eine Ausstellung in geschätzten 280 Raummetern Provinz hoch drei ergibt, im kleinen Provinzkästlein mithin. Was natürlich Fragen aufwirft. Die Frage zum Beispiel, was einen sog. Künstler bewegen könnte, sich aus der Deckung zu wagen, das Gehäuse Kunst zu verlassen, um diese geschätzten 280 Raummeter Provinz mit den mühsam erzwungenen Elaboraten vergangener Monate zu bespielen. Die erste, ersichtliche Antwort liegt nahe, denn die Spielwiese, sprich Atelier besagten Künstlers liegt nur etwa 500 m entfernt und einmal über der Straße – von einem sog. Heimspiel spricht man also in solchem Falle und wohl auch von dem gut gemeinten wie schüchternen und wahrscheinlich hoffnungslosen Versuch, die heimatlich gewordene Provinz „Stötteritz” zu bearbeiten, zu beleben, zu bespielen, zu kultivieren oder wie auch immer man solch Bemühung benennen könnte. Genauere Betrachtung verdienen die Begriffe der „Deckung” und des „Gehäuses”, die angeblich vom sog. Künstler nach Jahren nun wieder verlassen werden.

„Deckung” nämlich lässt uns an Kriegshandwerk, Schützengräben, Feldzüge, denken, man hört den Einschlag der Granaten und ahnt die Bomberstaffel am Himmel, denken aber auch an sich reproduzierende Lebenswelt, an den Hengst oder den Rüden, die zum Fortpflanzungsakt, zum Genetransport triebhaft gezwungen sind. Und die Doppeldeutigkeit des Begriffs weist auf einen tieferen Zusammenhang hin, denn auch der Feldzug entspringt dem unbewussten Müssen, dem Zwang zur aggressiven Reproduktion gegen die denkbare Vernunft. „Gehäuse” weist ebenfalls auf Biologisches – zuerst auf zerbrechliche Kalkhüllen hin, lässt gleichzeitig wieder die Erinnerung wach werden an die Provinz. Der Begriff schmeckt nach früher Romantik bis Biedermeier, von Hölderlin im Tübinger Turm über  Spitzwegs „Der arme Poet” bis zur Beuys‘schen Sozialromantik, man denkt auch an Freiburg, erinnert Heidegger – die Kunst ist das zerbrechliche Gehäuse, das Gestell, das vom Künstler bezogene Haus, das Innen, das abschirmt vom Außen des lärmenden (Kunst-)betriebs.

Bild von Andreas Hanske

Bild von Andreas Hanske

Aber kommen wir zur Ausstellung selbst: Skurril meint „merkwürdig” oder auch „etwas verschroben” und trifft damit den Zustand des zunächst einmal überraschten Betrachters. Hanske versucht mit seinen neuen Bildern die Regression, die Suche nach den biografischen Anfängen, nach den künstlerischen Wurzeln. Man muss weit zurückgehen im OEuvre um den Ansatz zu finden, die Rückkehr zum kindlichen Sehen, dem Elementaren im künstlerischen Spiel, das sich auf das Wesentliche in der Malerei reduzieren will – auf die Farbe, auf die Form. Das Bild setzt einzig auf die Wirkung der Intuition, des EINFALLS, der in seltenen, glücklichen Momenten selbiges überzieht und dann Farbe zur existentiellen Kraft werden lässt, in diesen Augenblicken der zugefallenen Erregung. In diesem Sinne entziehen sich die Bilder der direkten inhaltlichen Interpretation, Titel und figürliche Formen sind allenfalls Fallen, in die die Betrachter gelockt werden sollen, um eben deren Aufmerksamkeit zu erregen; es sind die vagen Düfte, die auf die Blüten locken und die Befruchtung provozieren sollen. Einfach gesagt: die Bilder sollen natürlich und aller Skurrilität zum Trotz in erster Linie gefallen, ja vielleicht sogar das bedienen, was landläufig als Zeitgeist bezeichnet oder sogar verschrien wird. Denn jeder Künstler weiß oder ahnt zumindest, dass er in selbigen Zeitgeist eingebunden ist und eingebunden sein muss, um eben jene Befruchtung der sog. Werke durch die gewisse Wertschätzung von Außen zu bewirken, die das Selbstbewusstsein und die Eigenwilligkeit zwar nicht ersetzen kann, die aber unabdingbar ist, um dem Bild oder dem bemalten Papier, der Plastik oder der Aktion letztlich die Qualität „Kunst” zu verleihen: „Kunst” entsteht nicht nur durch den im Gehäuse werkelnden Eigensinnsträger, sondern gleichgewichtig durch dieses rezeptives Umfeld, das das Produkt zum „Werk” und den Werkelnden zum „Künstler” veredelt.

Als Umfeld aber kann und muss gelten – der kleine Freundeskreis wie die große Galerieszene, das Museum und der Markt – hier entsteht aus Quantität nicht zwangsläufig Qualität!

In diesem Sinne versteht man jetzt, am Ende des kurzen Nachdenkens, endlich, warum A.H. sich darauf verteigen konnte, auf diesen 280 Raummetern Provinz hoch drei die erste Ausstellung nach so langer Zeit zu wagen!


Andreas Hanske

1950 in Radebeul geboren
1969 Abitur und Facharbeiterabschluss als Maschinenschlosser
1971 bis 1975 Studium der Geophysik in Freiberg
Geophysiker in Leipzig bis 1978

Danach ausschließlich künstlerisch tätig
Schwerpunkte bis 1981 vor allem Zeichnung und Grafik, dann vor allem Malerei
seit 1986 auch Holzplastik und Holzschnitt, ab 1990 umfangreiche Perfomance
1984 Mitglied im Künstlerbund Leipzig
1991 Arbeitsaufenthalt in Köln („Transfer”)
ab 1981 regelmäßige Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland
2002/2003 Ausbildung zum Multimediagestalter (für E-Learning)

Lebt und arbeitet seit 1982 vorwiegend in Leipzig

Arbeiten im öffentlichen Besitz u.a. Kupferstichkabinett Dresden, Lindenaumuseum Altenburg, Museum der Bildenden Künste Leipzig, Kulturamt der Stadt Leipzig, Wirtschaftsministerium Berlin, in den Sammlungen der Deutschen Bank, der Dresdner Bank sowie in zahlreichen privaten Sammlungen.

Kontakt: andreas.hanske[at]web.de
Homepage: www.hanske-atelier.de

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