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Bruno Beratti

„Akinese” – Pseudokinetische Objekte

Galerie im Mischhaus
August bis Oktober 2009

Bruno Beratti nennt das was wir heute hier sehen: Pseudokinetische Objekte. Akinese eins bis fünf. Akinese bedeutet: Unbeweglichkeit. Bewegungsarmut. Bewegungshemmung.

Steffen Birnbaum und Bruno Beratti

Steffen Birnbaum und Bruno Beratti (r.)
bei der Ausstellungseröffnung

Ein Gegensatz der sich dem Betrachter eröffnet. Denn obwohl sich die Objekte nicht bewegen sind sie eine einizige Bewegung oder besser: sie suggerieren eine Bewegung. Daraus entsteht die Spannung, das Interessante. Das Widersprüchliche. Das Verhältnis von Kunst und Maschine ist nicht unbedingt ein harmonisches. Die gemeinsame Geschichte beginnt mit Unterhaltungs- und Spielzeugapparaten der Antike und führt über die Apparate von Leonard daVinci bis hin zu Albrecht Dürer. Die Entwicklung der Maschinenkunst war eine Abkehr vom handwerklichen Können als Qualitätsmerkmal eines Kunstwerks. Und fand mit dem Abgesang auf die traditionelle Malerei und Skuklptur 1920 auf der ersten DaDa Messe mit dem Ausspruch: „Die Kunst ist tot. Es lebe die neue Maschinenkunst Tatlins” eine Neugeburt zwischen zwei Weltkriegen.

Mit dem Entstehen der Industriegesellschaften diente die Maschinenkunst als Ausdruck des technischen ökonomischen Wachstums, als Widerspiegelung der Annäherung an die Perfektion einer Maschine. Und führte über die amerikanische Pop-Art von Andy Wahrhol, der eine seriell gefertigte Kunst propagierte mit seinem Ausspruch „I want to be a machine”. Bis hin zu Jean Tinguly, der seit 1954 kinetische Kunst herstellte und die Grenzen der Kunst in Frage stellte. Die Entwicklung der Maschinenkunst/ der Kunstmaschinen wirft die Frage auf nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine, die Frage nach anonymer Perfektion und Funktionalität, die das Alltägliche bestimmt und dirigiert. Die verspielte Kreativität aber immer mit in Betracht zieht, denken wir an Jim Whiting und sein „Bimbo Town”.

Bruno Berattis Pseudokinetischen Objekte scheinen aus einer Welt jenseits von Raum und Zeit zu entspringen.  Sie erinnern uns an die phantastischen Gebilde eines Jules Verne. Es sind Vehikel die metaphorisch für Freiheit, Aufbruch und Reisen stehen. Eine Symbiose aus Schrott, Holz, Messing und verschiedenen Materialien, die eine neue Dimension ergeben. Sie verraten das Handwerkliche, das Solide. Und auch hier ist es gerade das Widersprüchliche, das den Objekten Raum und Tiefe verleiht. Brutto Berratti ist 1957 in Leipzig geboren und gelernter Tischler. Seine künstlerische Entwicklung führte ihn vom Siebdruck, über die Malerei, zu Ton-, Holz- und Steinskulpturen in der Auseinandersetzung mit den verschieden Materialien bis hin zu dem, was wir heute hier sehen können. Ausstellungen in Mannheim, Karlsruhe, Berlin, Chemnitz, Neckarsteinach und Heidelberg zeigen eine kontinuierliche künstlerische Entwicklung.

Bruno Beratti: Akinese III

Bruno Beratti: Akinese III

Wir sehen einen spielerischen Umgang mit Formen und Materialien, im Zusammenwirken von Maschinenkunst, aber losgelöst von der starren Funktion einer Kunstmaschine. Dahinter wird etwas anderes sichtbar. Die große Hoffnung des Zeitalters der Aufklärung, der Einsatz des rationalen Denkens, die nackte Vernunft, die Logik  hat uns nicht eine friedliche Welt beschert. Wir haben die kleinsten Teilchen gespalten, die genetischen Codes geknackt und den Kosmos bis zum Urknall durchleuchtet. Unsere Sehnsucht nach einem sinnerfüllten gelungenen Leben ist dabei irgendwie auf der Strecke geblieben. Die Suche nach dem universalen alles durchdringenden Geist. Und nun kommt Bruno Berratti und zeigt uns die Fahrzeuge unserer Träume zum Aufbruch. Vor genau zwanzig Jahren konnte keiner von uns glauben in der uns eigenen (ost)deutschen Mischung von Naivität und Mut, dass nur wenige Wochen später ein Tor aufgehen würde, das unser aller Leben grundlegend verändern würde.

Bruno Beratti hat diese Öffnung über Ungarn 1989 beschritten, hat viele Jahre in Mannheim gelebt und gearbeitet und kommt jetzt zusammen mit der Akinese zurück, um uns etwas zu zeigen.

Akinese I: ein Boot aus Kirschbaumholz mit zwei Puppengliedern. Zwei Arme sind die Ruder in einem Boot und symbolisieren  die Balance, die Mitte, die Objektivität. Rudert der eine Arm zuviel bewegt sich das Boot nach rechts, bewegt sich der andere zu heftig, steuert das Boot nach links. Das Gleichgewicht zu finden zwischen den beiden Ufern auf dem Strom des Lebens ist die Kunst der Ausgleichung. Und korrespondiert mit dem Anliegen der Maschinenkunst von den Anfängen bis Jetzt. Die Ausgleichung der Extreme. Vielleicht auch zwischen Ost und West.

Akinese II ist ein Vehikel aus Kirschbaumholz, Maschinenteilen, Messing und Rädern. Ein Fähnchen mit der Zahl 383 flattert fröhlich im Fahrtwind und eine verspielte Tischlampe leuchtet im Falle der Dunkelheit.

Akinese III und V hebt sich in die Lüfte. Auch hier solides Material, Holz, Maschinenteile, Räder für die mögliche Landung. Ein sich öffnendes schützendes Segel. Ein Fallschirm.

Akinese IV zeigt das, was für alle pseudokinetischen Objekte Bruno Berattis gilt. Es sind Zeitmaschinen. Entsprungen aus einer Welt der Visionen. Zusammengefügt aus dem Stoff aus dem die Träume sind. Untrennbar miteinander verwoben: Ohne Träume gibt es keine Zukunft. Konnten wir uns vor hundert Jahren vorstellen in Maschinen durch die Lüfte zu fliegen, verbunden mit einem Mausklick mit der ganzen Welt, in 80 Tagen 80 mal um die Welt zu reisen, wie es Jules Verne noch nicht im geringsten erahnte. Wohin auch immer die Reise gehen wird. Wir wissen es nicht. Sollte es tatsächlich so sein wie die neuere Physik behauptet, dass in der vierten Dimension der Raumzeit sich Raum und Zeit auflösen und die höchste Vision dafür notwendig ist, um dorthin zu gelangen. So sind es die pseudokinetischen Objekte von Bruno Beratti, die diese Vorstellung von der Verbindung in diese Dimensionen des Universums suggerieren.

Ich würde gerne die Zeitmaschinen ausprobieren. Einen lieben Dank für dieses Geschenk an Bruno Beratti und eine wundervolle Reise.

Text: Leokadia Kuhn


Bruno Beratti

geboren 1957 in Leipzig
Ausbildung und Tätigkeit als Schreiner
Dekorateur an diversen Leipziger Theatern
frühe Beschäftigung mit Malerei und Grafik
Weiterbildung (Kunstgeschichte, Farbenlehre, Radierung)
1986 erste Bildhauerarbeiten (Sandstein, Ton)
1989–2008 in Mannheim, seit 2008 in Leipzig

Kontakt: fattich[at]t-online.de
Homepage: www.beratti.de

 

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