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Daniela Hussel

Bis zum 22. Juni 2016 war die Ausstellung von Daniela Hussel

TOHUWABOHU - eine Bildinszenierung
Malerei und Objekte

zu sehen.

Ausstellung mit Werken von Daniela Hussel

Tohuwabohu

Es gibt ein Lied von Heinz Rudolf Kunze von 1994 mit dem Titel „Tohuwabohu" in dem gibt es eine Textzeile die lautet:
„In nichts war ich gut,
außer in Angst, das kann man nicht lernen, das hat man."

In Zeiten, wo alles in geordneten Bahnen zu gehen scheint, haben die Menschen besonders Angst vor dem Chaos. Wir scheinen in solchen Zeiten zu leben. Ich habe das Gefühl, dass je mehr die Menschen sich gegen die Veränderungen stemmen, je stärker brechen diese Bahnen auseinander und ein Tohuwabohu dringt in unser Leben ein. So sagt man doch, wenn man von einem großen Chaos spricht: Tohuwabohu. Ein Ausdruck, der in der Bibel gleich im Zweiten Satz steht. Also gleich am Anfang. Allerdings nur im Original, also in häbräischer Sprache. Dieses häbräische to wa boh kann, wie viele häbräische Begriffe unterschiedlich interpretiert werden. In der Einheitsübersetzung der Bibel von 1980 ist im ersten Kapitel die Erde wüst und leer. Buber hat zum Beispiel das Tohuwabohu 1938 anders übersetzt. Er spricht davon, dass auf der Erde Irrsal und Wirrsal waren.
Irrsal und Wirrsal, zwei tolle Begriffe.
Und es brauchte Gott, um aus diesem Chaos eine geordnete Welt zu erschaffen. So steht es im Schöpfungsbericht. Aber der Unfehlbare hat auch uns Menschen geschaffen. Jedenfalls der Bibel nach. Ob er das schon bereut hat? Die Menschheit bringt doch die gesamte göttliche Schöpfung wieder durcheinander. Wir sind dabei Irrsal und Wirrsal über die Welt zu bringen.

Und wie wir das machen, davon will diese Ausstellung, will uns Daniela Hussel berichten. Nun haben wir es hier nicht mit einer Zeitung zu tun. Die schlägt man auf und hofft Fakten zum Zeitgeschehen präsentiert zu bekommen. Wobei Zeitungen spielen in dieser Ausstellung schon eine große Rolle. Alles, was hier so martialisch nach Draht, Stacheldraht, Natodraht oder Maschendraht aussieht, ist Papier, Zeitungspapier, die Leipziger Volkszeitung zerrissen, gerollt und geformt.
Sind es vielleicht doch die Informationen, die uns einsperren. Wissende von Unwissende trennt. Eine Zeitung bestimmt nicht, was wir denken, sondern worüber wir nachdenken.
Wir haben es also nicht mit einer Dokumentation zu tun. Ist das eine Instalation? Die Künstl erin spricht lieber von einer Bildinszenierung.
Ich habe mir die Herangehensweise von Daniela Hussel mehr lyrisch vorgestellt. Diese Ausstellung als ein räumliches Gedicht. Die Künstlerin kommt ursprünglich aus der Theatermalerei. Für sie ist der Raum das Objekt.
Alles, was wir hier sehen sind Metaphern. Wir, als Betrachter können oder müssen sie uns übersetzen. Wer sich in dieser Bildinszenierung zurechtfinden möchte, sollte sich in diesen Lageplan vertiefen und seinen Weg durch das Tohuwabohu suchen. Wir haben auch die Möglichkeit den Plan zu verändern, weitere Teile hinzuzufügen. Dafür steht im Köcher das Material zur Verfügung. Aufgepasst! Wir leben in diesem Plan nicht allein. Eine Kakerlake, eine Zitterspinne und ein Fangschreck haben sich eingenistet. Sollten sich die Tiere in die Erweiterung des Planes nicht integrieren lassen, wir sind die Krone der Schöpfung, entfernen sie die Plagegeister einfach und siedeln sie sie um.
Wenn sie den Plan studieren, vielleicht finden sie auch einen Moment der Hoffnung. Es ist schwer, zugegeben. Diese gesamte Inszenierung spricht von einer Skepsis gegenüber der Menschheit und ihrer Fähigkeit die Zukunft zu bewältigen.
Sehen sie sich dieses Bild an. Menschenmassen und ein schwarzer Himmel. Kommen die Menschen aus der dunklen Vergangenheit auf uns zu oder gehen sie in eine schwarze Zukunft. Eine Frage, die sie sich selber beantworten müssen. Damit lässt uns die Künstlerin allein.
Ich denke, diese Ausstellung ist nicht für uns Publikum gemacht. Die Künstlerin nutzt sie, um ihre Gedanken zu ordnen und festzumachen. Vielleicht auch um ihrem moralischen Dilemma herr zu werden. Immer, wenn sie eine Idee entwickelt hat, kommt die Wirklichkeit und überholt ihre schlimmsten Befürchtungen.
Wir sind nur Voyeure in diesem Prozess, die ihr dabei zusehen dürfen.

Hinterhältig ist dabei die Ästetik. Banalisiert sie oder führt sie uns hinters Licht, in dem sie unser, von den vielen Bildern in der Tagesschau abgestumpftes Sehen, durch neue Reize zum Hinschauen zwingt.
Auch ein gold angestrichener Käfig ist ein Käfig. Stacheldraht bleibt Stacheldraht. Eine Gradwanderung zwischen Ästetik und Zweck.
Wir dürfen auch an diesem Prozess teilnehmen. Sozusagen den Sonnenwagen schieben und damit den Veränderungen in der Schattenwelt als aktiver Betrachter beiwohnen. Vielleicht erkennen sie so eine Ordnung im Chaos und es ist nicht alles verloren.
Denken sie daran: Schönheit ist der Moment zwischen der Ordnung und dem Chaos und Schönheit ist in der Lage die Angst zu lindern.

Text: Karl Anton, Mai 2016

Daniela Hussel

Die in Berlin geborene Künstlerin studiert Bühnenbild an der Hochschule der bildenden Künste Dresden und Malerei / Grafik bei Prof. Sighard Gille und Rolf Münzner an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seit 1995 ist sie als freischaffende Künstlerin, Bühnenbildnerin und Dozentin in Leipzig tätig.

Sammlungen (Auswahl): Sparkassenstiftung Leipzig, VNG Verbundnetz Gas AG, Leipzig, Stadtmuseum Schramberg, Leitner AG-SpA, Italien, Deutsche Angestelltengewerkschaft, Hamburg

Auszeichnungen: Kunstpreis der DAA, Arbeitsstipendien des Landes Sachsen-Anhalt und der Kulturstiftung Sachsen

Werkreihen, Projekte und weitere Informationen finden Sie auf der Homepage der Künstlerin: www.daniela-hussel.de

E-Mail: post@daniela-hussel.de

 

 

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