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Radjo Monk

„Luxusliner Deutschland” – Grafiken & Texte

Galerie im Mischhaus
April 2011
Radjo Monk

Radjo Monk
(Foto: Silvia Hauptmann)

Wir haben heute eine glückliche Fügung: Am 30. April feierten die Kelten den Tag, an dem die Erde zum Leben erwacht. Sie feierten es mit Freudenfeuern und befragten die „weisen Frauen”, die sogenannten „Hagazussen”, die in den „heiligen Hainen” angeblich auf der Schwelle zwischen der Menschen- und der Geisterwelt saßen, nach der Zukunft.

Glückliche Fügungen gibt es auch immer dann, wenn Kunst und Leben zusammenfließen. Der Künstler als Zeitzeuge, als Seismograph, derjenige der das Unsichtbare sichtbar macht.

Bei Radjo Monk sind es verschiedene Artikulationsströme, die sich zu einem Ganzen zusammensetzen: Texte. Zeichnungen. Grafiken. Film. Klang. Untrennbar mit der eigenen Biografie verbunden nennt er es künstlerische Selbstverortung.

Entstanden sind dabei eine Reihe von Gedichten, Theaterstücken und Texten, die oft verflochten sind mit den Arbeiten von Edith Tar. Beide arbeiten seit 1988 zusammen, wie zum Beispiel Edith Tars „Der Revolutionstisch, eine soziale Plastik” – ein Zeitdokument aus den Tagen der Wende. Unter dem Titel „Seine Rettung geschah folgendermaßen” wird im kommenden Sommer ein Projekt zum Thema Flut als real-mythologische Metapher im Donau-Ries Museum zu sehen sein.

Kreative Prozesse sind Schöpfungen aus dem Augenblick. Mit dem Begriff Kreativität tut sich die Wissenschaft schwer. Bei Wikipedia kann man lesen: „Jeder kreative Prozess findet in einem Ökosystem statt, dessen Chaos und Ordnung, Zufall und Gesetz, Freihet und Strukturzwang, Spontaneität und Berechnung in vielfältigen, dauernd wechselnden Kombinationen die quantitativen Aspekte dieses Prozesses bestimmen.” (Gottlieb Guntern)

Das klingt kompliziert. Kein Wort davon, dass Kreativität auch wildes Denken ist. Bei Radjo Monks Zeichnungen, die wir heute hier sehen können, findet das wilde Denken auf dem Papier statt.

Flüchtige, zarte Bewegungen, geprägt von einer offenen Handschrift und kombiniert mit verschiedener Strichführung unterstreicht es das Skizzenhafte, das Comicartige. Verschiedene Nuancen mit subtiler Wirkung kämpfen gegen die deutsche Schwere. Dagegen hilft das Improvisieren. Das sind Zerreißproben auf dem „Luxusliner Deutschland”. Sie definieren die Frage: Kann man, darf man noch schreiben? Um im nächsten Moment hinüberzugleiten in das Humorige, Unernste.

Radjo Monk: Buttertee für Edith

Radjo Monk: Buttertee für Edith

Humor als Kunstgriff – die „königliche Eigenschaft die Unvollkommenheiten der Existenz mit einem wohlwollenden Lächeln zu umarmen und in den Schattenseiten des Lebens den Glanz der Vollkommenheit zu entdecken”. (Chr. Kessler)

Manche Zeichnungen erinnern an Beuys, an seine Auffassung von zeichnerischer Skultur. An Miros surrealistische Traumbilder. Radjo Monks Auseinandersetzung mit dem Stoff findet in der Willkür in der von ihm verwendeten Technik statt. Ölfarbe aus der Tube und „Das Paradies ist vollkommen”. Manchmal entstehen dabei zuerst die Texte und im rhythmischen Zusammenspiel der Bewegung die Grafiken. Zwischen die Zeilen geschrieben.

Auch das eine Metapher: als gelernter Dichter mit ostdeutscher Prägung und doppelten Boden, einer, der aus einem umfangreichen Materialpool schöpft. Symbolsprache braucht keine Erklärung, weil sie universal ist und jedem verständlich. „Wenn wir leise sind kann das Universum uns hören”, so der Titel einer seiner Farbgrafiken.

Die Fahrtenbücher von Radjo Monk entstanden zwischen 1990 und 2001. Reisen als Zeitzeuge 1989 führen ihn immer wieder zu neuen Fragestellungen und zu neuen Reisen: letzte Stationen waren Paris, Glasgow, Linz. Schon in den neunziger Jahren führen Reisen u.a. nach Israel auf der Spur des „Mythos des Graal”, um sich in die Nähe der legendären Plätze zu begeben. Ein Abenteuer.

Auch im Mythos der Graalssuche begibt sich der Held auf die Reise. Er muss Aufgaben lösen, sich Gefahren stellen und Rätsel entziffern, auf der Suche nach dem großen Geheimnis.

In dem Gedicht „Merlin in Leipzig” von Radjo Monk steht zu lesen:

Woher hattest du plötzlich die Kerzen, woher
Den Mut, dem Meer der staatlichen Wellen
Zu befehlen: ich bin der Mond, deshalb gehört
Der Montag mir & alle Frachten sind mein
Eigentum

Die Reise als eigentliches Ziel. Die Welt befindet sich im Wandel. Das Anerkennen, das wilde Denken stimmt uns auf die Wandlungsprozesse ein. Bei Radjo Monk heißt es dazu im Gedicht „Die Güter des Königs”:

Der König kam zur letzten Stufe - anders
Als erwartet blickte er nicht zurück, ließ
Den purpurnen Stoff von seinen Schultern
Gleiten & trat ein

Text: Leokadia Kuhn


Radjo Monk

1959 in Sachsen geboren. Beginn der literarischen Arbeit 1975. Zuerst gefördert, dann observiert: 1984 Verhinderung des Studiums am Literaturinstitut durch das MfS. Lebt in Leipzig.

In den 80er Jahren Mitarbeit in diversen Underground-Publikationen und Auftritte mit Musikern in Clubs und Galerien. Experimente werden zum Teil der Arbeitsstrategie und sind seitdem immer wieder Anlass zur Erforschung neuer medialer Artikulationsfelder.

Gemeinsam mit der Fotografin Edith Tar hat er seit 1988 in Deutschland und dem europäischen Ausland zahlreiche Ausstellungen und künstlerische Projekte realisiert, u.a. Wurzeln Europas / Der Gral und Der Revolutionstisch – Eine soziale Plastik.
Ausgedehnte Studienreisen u.a. durch Griechenland, Frankreich, Spanien, Israel bilden das Fundament für 9 Fahrtenbücher, die zwsichen 1990 und 2001 entstehen.

2001–2004 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Diplom im Fach Videokunst 2004.

E-Mail: radjo.monk@gmx.de

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