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Reinhard Rösler

.non finito – Skulptur | Zeichnung

Galerie im Mischhaus
03.05.2013 – 28.06.2013

Auf Reinhard Röslers Arbeiten stößt man immer mal, zum Beispiel auf Spielplätzen in Leipzig; man muss nur die Augen aufmachen. Besser noch, man besuche ihn in seinem Atelier. Ich habe dies getan, es war ein kalter nasser Spätwinter 2013, kurz vor seinem 60. Geburtstag. Der Rösi war da mit einer Frau, der Komet mit einer Kometin, wir kannten uns und freuten uns, das Feuer knatterte und die Flammen erleuchteten Gesichter und Werke.

Reinhard Rösler

Reinhard Rösler (Foto: Media-City Leipzig)

Insbesondere aber: Hände. Von Fotos kannte ich diese massiven in Holz geschlagenen Hände oder Fäuste, so groß wie ein Sessel. Was glaubt ihr, diese Hand macht dich zum Däumling. Sie können einen ganzen Saal in einem Museum beherrschen, so stark ist das Symbol Hand in Szene gesetzt. Die Hand greift rohe Materie und ist zum Teil selbst noch roh und unbehauen – das ist ein schönes Gleichnis für die Unfertigkeit des Menschen, der mit genau dieser Eigenschaft sich selbst und die Materie in den Griff nimmt. Man könnte auch von Selbstreferenz, oder mit einem schönen und schweren Wort, Autopoiesis, sprechen: die Hand bringt sich hervor, indem sie greift. Diese Rösler’sche Hand ist für mich das Maß seiner Taten, denn in ihnen findet sich die heftige, zerstörerische und zugleich liebevolle Arbeit am Material, die mir so charakteristisch für seine ganze Einstellung und Dynamik erscheint.

Es ist auch die Erkenntnis, dass es etwas Großes gibt, mit dem man kämpfen muss wie Jakob mit dem Engel. Wir wissen nicht, was es ist, es bleibt unaussprechlich, aber es muss behauen oder besungen werden, solange die Spezies Mensch auf dieser Erde herumstreift.

Die erste Assoziation war jedoch für mich das Bild des englischen Malers Henry Fuseli, der 1741 in der Schweiz geboren wurde und zunächst Johann Heinrich Füssli hieß. Der Romantik gab er viele Impulse, man denke an sein Bild über den Alptraum, und was mich hier an ihn erinnerte, war die Größe der Hand und die Kleinheit des Betrachters (in einigen Skulpturen von Reinhard haben sich ja Kinder eingenistet). Füssli malte einen Riesenfuß und eine Riesenhand, die nach oben zeigt. Daneben ein Mensch, der sich sinnierend auf den Fuß stützt und, wenn wir dem Titel folgen, verzweifelt über der Größe der antiken Fragmente. Das Bild entstand gut zehn Jahre vor der französischen Revolution, um 1778/80.

Reinhard Rösler 2013

Reinhard Rösler 2013 (Foto: oTTo)

Allerdings ist Verzweiflung nicht das Lebensthema von Reinhard Rösler. Das Große, an dem er sich abarbeitet, inspiriert ihn, entlockt ihm Flüche und Verwünschungen, aber eben auch Bewunderung und Liebe. Schon früh hat er die Hände entdeckt. Als Junge nämlich formte er endlos Figürchen, kleine Männchen, betätigte sich als kindlicher Prometheus, der seine Geschöpfe in die Welt schickt. Nicht anders als jene Kinder von Australopithecus oder Erectus, von Flores oder Neanderthal, von Harappa, Mesopotamien und Ägypten bis hin zu den knetenden und matschenden Kindern, die noch bis vor kurzem vieles mit den frühesten Kindern der Geschichte gemeinsam hatten. (Inzwischen ist das Gestalten und Formen einem einzigen Geräusch gewichen – dem Klick, einer banalen Druckbewegung, die sich nicht zufällig auf das Wort Kick reimt). Jedenfalls führt uns Reinhard zurück in solche Zeiten und Kindheiten und man sieht förmlich, dass es seine Hand ist, die sich in den Höhlen von Lascaux und Chauvet abgebildet hat, immer dieselbe Hand, dasselbe Greifzeug, mit dem der Mensch aber auch fühlt und denkt.

Es ist Archaisches in der Luft bei diesem Sechzigjährigen und es manifestiert sich in Säulen, auf denen Figuren sitzen oder stehen, oft sind es Schwangere, denn er betreibt einen Fruchtbarkeitskult, wie die Jäger und Sammler. Ich würde mich nicht wundern, wenn eines Tages herauskäme, dass die Venus von Willendorf und ihre 200 verwandten Statuetten eine moderne Fälschung sind, deren Urheber kein anderer wäre als dieser Herr Rösler aus Leipzig. Wie er dies über einen Raum von 3000 km zwischen Sibirien und Österreich bewerkstelligt hat, bleibt sein Geheimnis. Den Bürokraten und den öffentlichen Räumen setzt er seine Schwangeren entgegen, um sie auf Elementares zurückzubringen, auf die einfachen Sachverhalte, aus denen die Welt entstanden ist. Das Aufrichten einer Säule oder einer Statue ist dabei ein Teil des ehrfürchtigen Vergnügens. Wenn es sich um große oder lange Dinge handelt, muss es gemeinschaftlich vollbracht werden, und das hat Reinhard immer besonders gefallen – diese gemeinsame Anstrengung, diese Arbeit einer Gruppe von Menschen an einem größeren Projekt. Und wenn es gelingt, die Aufrichtung, dann geht ein Raunen, ein Aufatmen und eine Euphorie durch die Beteiligten, die sich hier alle wie eins gefühlt haben. Nicht viel anders wird es den Erbauern der Megalithen gegangen sein.

Manchmal hat die Kunst auch solche Momente in der deutsch-deutschen Wiedervereinigung erlebt. Reinhard Rösler hat sich an einem Projekt mit ost- und westdeutschen Künstlern 1990 in Leipzig beteiligt. Neben zahlreichen Performances, die das Thema dazwischen erkundeten, gab es von Reinhards Hand die Holzfigur Eva – eine Erinnerung an die Geburt seiner Tochter, die Schwangerschaft seiner Frau, aber auch ein mythischer Entwurf im langen Dialog zwischen Mensch und Erde. Zugleich ging es um das Finden von Gemeinsamkeiten zwischen Künstlern in Ost und West, jenseits von Ideologie und System. Gar nicht so leicht, denn Trennlinien traten immer wieder auf. Aber Reinhard Rösler ist einer, der auf Gemeinsamkeiten setzt. Ich hau dich raus – diesen Satz darf man getrost in seiner Doppeldeutigkeit auf ihn anwenden, auf seine Solidarität mit anderen ebenso wie auf das Eindringen in Stein und Holz, um etwas freizulegen, das darauf gewartet hat.

Mythische Themen scheinen ihn besonders anzusprechen, denn der Mythos, so gefährlich er werden kann, hat ein großes Potential: er erinnert die Menschheit an ihre gemeinsamen Träume und Ängste, ihre Wünsche und Klagen. So hatte Reinhard große Freude, als ihm Teilnehmer einer Expedition in Peru ein paar schlechte Fotos von einer neu gefundenen Gottheit namens Lanzote zeigten. Er bekam den Auftrag, sie in Styropor nachzubauen für eine Ausstellung über das „Gold der Inka”. Sechs Meter hoch wurde das Ding und die indianische Delegation, die kam, um es zu betasten, war es zufrieden. Reinhard Rösler tummelt sich gern in Projekten mit anderen, ob es nun Künstlergruppen sind oder ganze Kulturen. Das Mobile Büro für Erdarbeiten, 1991 von ihm mitgegründet, spricht schon durch seinen Namen, was es will – eine Verbindung von Skurrilität mit Bodenständigkeit. Es könnte ja auch der Name eines Amtes im Himmel oder in der Hölle sein; dass es ein Kunstverein war (bis 2001) steht auf einem anderen Blatt. Seine Arbeit für das Theater Titanick hat ihm über die Jahre viele Möglichkeiten gegeben, seine Phantasie und sein Handwerk als Theaterplastiker auszuleben. Wenn man nicht aufpasst, brennt er einen in Ton, und man reibt sich den Rücken.

Galionsfiguren, Holzstäbe in der Landschaft, man findet sie zum Beispiel am Cospudener See oder im Garten des Mischhauses, Breslauer Strasse 37. Holzsäulen und Stäbe aus seiner Hand, aus der Ferne sieht es aus wie Akupunkturnadeln für die Erde, näher dran werden sie zu Essstäbchen. In der Nähe denkt man vielleicht an germanisch-keltische Gottheiten, deren Gesichter und Formen verwittert sind, vergänglich wie alle Götter, ewig wie der Glaube. Und er kann Gesichter. Zart und rau sind sie zugleich, aufgelockert, verträumt, man sucht nach Worten für Anmutungen, die keine Sprache zulassen. Da ist dieses Mädchen, seine Tochter, und wenn man ihr Gesicht so anleuchtet oder so, immer ist es ein anderes. Rimbaud hat gesagt: Ich ist ein anderes, Reinhard Rösler denkt nicht drüber nach, er macht es, wie er es empfindet. Die Skizze ist für ihn Ausdruck des Lebendigen, das Unfertige ist die Evolution. Daher auch die Faszination für Giacometti, für Henry Moore. Mit ihnen hat er gemeinsam, in die Materie zu horchen, einige Minuten sich in den Stoff zu versenken, bevor er ihn bearbeitet. Das ist eine kleine Meditation, die aber ohne Jahrzehnte an Erfahrung nicht möglich wäre. Er muss erfahren, was der Stein, der Stamm will und wie er diesem Willen Ausdruck verleiht. Dann beginnt die Arbeit.

Text: Elmar Schenkel


Reinhard Rösler
  • 1953
    geboren in Kehrberg / Brandenburg
    aufgewachsen in Leipzig
  • 1969 – 1971
    Theatertischlerlehre an den Leipziger Theaterwerkstätten
    Arbeit als Theaterplastiker
  • 1975 – 1978
    Studium der Theaterplastik an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Dresden
  • 1984 – 1989
    Studium der Bildhauerei an der HfBK bei den Professoren Helmut Heinze und Detlef Reinemer sowie bei Dietrich Nietsche
  • 1971 – 1973
    Meisterschüler bei Prof. Helmut Heinze
  • seitdem freischaffend in Leipzig

Ein Katalog zur Ausstellung .non finito ist zum Preis von 15,– € erhältlich.
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