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Roland Borchers

Heimspiel - Malerei

Die Ausstellung war bis zum 27. Juni 2015 zu besichtigen. Einen Text zur Ausstellung, von Roland Borchers selbst geschrieben, können Sie unten lesen.

Roland Borchers: Noch einmal in Cröbern

Noch einmal in Cröbern, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm

Text von Roland Borchers zur Ausstellung:

Über die Jahre hinweg lebt in diesen kleinen Haus, dem Mischhaus, der Geist Leipziger Kultur und Kunst, vielleicht auch weil Steffen Birnbaum hier wohnt.

Hier entstanden Ideen, Freundschaften und gemeinsame Projekte, die auch geschichtlich gesehen den roten Faden nicht verloren haben. Mit geringsten Mitteln, die zur Verfügung standen, doch großem Engagement haben immer wieder Veranstaltungen stattgefunden, an die ich sehr gern zurückdenke. Deshalb habe ich große Freude über die Einladung hier nach Stötteritz, wo auch ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe und immer wieder gern bin.

Das Zusammenfallen meiner Ausstellungseröffnung mit dem 70. Jahrestag des Kriegsendes ist rein zufällig, doch Beides ist mit dem Begriff des Erinnerns verbunden.

Erinnerungen sind ein wesentlicher Gesichtspunkt meines „Heimspiels“ - ein Spielen mit den Worten Heim, Heimat, mit dem Vergangenem und doch so Lebendigem. Hier, an diesem Ort wo ich mich fast zu Hause und eine gewisse Privatheit fühle, schien mir dieser Titel sinnvoll.

Zu den Bildern:

Neben meinen fortlaufenden thematischen Bildern die meist dem abstrakten Bereich zugeschrieben werden, begann 2007 durch einen starken Impuls im Keesschen Park in Markkleeberg parallel die Arbeit an den Landschaftsbildern meiner nahen Umgebung, die nun über die Jahre hinweg zu einer teils seriellen, sich ständig wandelnden Werkgruppe geworden sind.

Die Bilder zeigen Orte, die ich immer wieder aufgesucht habe, die Teil meines Lebens geworden sind und die ich über den Prozess des Malens in meinen Erfahrungs- und Empfindungsschatz fest eingeschlossen habe ...

Zu sehen sind vorrangig Bilder des Leipziger Ostraumes, Taucha, der Parthenregion, dem Park Zweinaundorf, dem Stünzer Park, der Wachauer Kirche , bei Holzhausen, sowie ein Bild der schladebacher Region nahe Güntersdorf. Daneben die Serie der Erinnerung, „Noch einmal in Cröbern“.

Das Bild „Waldfrieden“ entstanden nahe der gleichnamiger Busstation vor Holzhausen, wo gerade etwas mehr als drei Bäume den Wald bilden. Es ist die zuletzt entstandene Arbeit, die, da sie den Heimweg vom Pflegeheim meiner Eltern bildet nun, nachdem mein Vater verstorben ist, einen besonderen Bezug zum Ausstellungstitel einnimmt. Meinem Vater möchte ich diese Ausstellung widmen.

Zur Serie „Noch einmal in Cröbern“:

Cröbern, lag ca. 5km südlich von Wachau entfernt. Der lauschige Ort in den Feldern des Leipziger Südraumes, durchflossen von der dahinmeandernden kleinen Gösel der ihn in zwei Teile trennte. Das sich um die Kirche verdichtende Hauptdorf und den breiten Streifen westlich um den Hopfenberg, war die Heimat meiner Mutter und Großeltern.

Ich verlebte dort herrliche Stunden meiner Kindheit und frühen Jugend. Auch meine erste große Radtour führte mich, ohne wissen meiner Eltern dorthin. Ein großes Erlebnisder Freiheit. Cröbern fiel 1972 dem Braunkohlenbagger zum Opfer. Noch heute trage ich das traurige Bild des geschliffenem Geländes im Kopf das einst das schöne Landhaus und den so üppig reichen Garten darstellten. Ich stand in den Fundamentresten und empfand erstmalig das Gefühl eines schweren Verlustes. Die Großeltern wurden ohne größere Entschädigung nach Markkleeberg in die Platte umgesiedelt, was sie nur schwer und kurze Zeit verkrafteten. In der Schule sprach man damals oft über die einstige Leipziger Seenplatte und malte Bilder der Fantasie, die auf Grund der so fernen Zeit nicht greifbar und surreal blieben. Heute stehen wir vor und in dieser handgemachten Seenlandschaft, mit ihren schönen, doch auch bedenkenswerten Seiten. Neuseenland, schön, organisch, symphatisch, zum relaxen einladend, mit Häfen, Jachtclubs, Kneipen, Hoppelpoppel Siedlungen in Strandnähe usw. Irgendwie Disnayland.

Abbild und Zeichen der Jetztzeit, der gängigen kulturellen Vorstellungen.

So nett das ganze auch sein mag und in vieler Hinsicht genieße ich es ja auch, schmerzt es mich. Es ist ein Grundgefühl das wohl zum leben gehört, das Verluste nicht wett zu machen sind, nicht auszugleichen. Löcher in uns, die sich nicht füllen lassen. Und doch müssen wir damit Leben.

Vor kurzem stand ich am hohen Südwestufer des Markkleeberger Sees und Blickte am Gedenkstein für die einstigen Orte Cröbern und Crostewitz hinüber nach Wachau. Die herrliche Kirche im Sonnenlicht, über dem See, dem ehemaligen Schlachtfeld und Aufmarschgebiet der Völkerschlacht, das sich reflektierende Wolkenspiel. Ich kam nicht umhin mir die einstige Landschaft vorzustellen.

Cröbern, heute verbunden mit der gleichnamigen Deponie und den anhängenden Skandalen bezüglich neapolitanischem Mülltourismus und 1000 Tonnen Atomwerkschutt pro Jahr, hat keinen guten Klang. Die Generation meiner Mutter die einst dort lebte ist am dahingehen, die Zahl ihrer Kinder begrenzt. Dokumente über den Ort findet man nur spärlich. Gegen Jahresende des vergangenem Jahres verspürte ich einen solchen Drang mich malend noch einmal diesen Ort und meinen Erinnerungen nähern zu wollen.

Malend erinnern bedeutet über eine Aktion scheinbar Verschüttetes wieder frei zu legen. Verschiedene Materialien lagen mir per Text, Foto und CD zur Seite, doch nutzte ich sie nur perifär. Die Idee war dieses kindlich Naive doch so Begeisternde, dessen man sich so viel später erst bewusst wird noch einmal aufleuchten zu lassen.


Roland Borchers
  • 1958 in Leipzig geboren
  • 1979 - 1984 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Heinz Wagner und Hartwig Ebersbach
  • 1984 - 1986 Zusatzstudium an den Grafischen Werkstätten der HGB, besonderer Schwerpunkt Lithographie
  • 1986 - 1989 Ateliergemeinschaft mit Axel  Krause und Neo Rauch
  • 1987 - 1989 Meisterschüler bei Prof. Arno Rink, HGB Leipzig
  • 1990 Reisestipendium Schloss Solitude Italien/London
  • ab 1990 Studienreisen nach Holland, Frankreich, Italien, Schweden, Schottland, ehemaliges Ostpreußen, Türkei, Kreta, Brasilien, Marokko
  • lebt und arbeitet in Leipzig

E-Mail: info@roland-borchers.de
Homepage: www.roland-borchers.de

 

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