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Silvia Hauptmann

„Ultima Scena”
Thema mit Variationen – Photographie

Ultima Scena


Ultima Scena – ein bedeutungsschwangerer Titel für ein bedeutendes Ereignis der Welt- oder besser Religionsgeschichte, wenn nicht das bedeutendste überhaupt für die europäische Kultur. Denn ohne Judas-Verrat kein Opfertod am Kreuz und ohne Himmelfahrt kein Christentum. Judas verrät Jesus, aber er folgt nur einem vorinszenierten Plan, denn Jesus weiß, dass er verraten wird, ja, verraten werden muss, um als Märtyrer sterben zu können, und er sagt, was er schon weiß: Einer von euch wird mich verraten. Dafür trifft man sich zur Gruppentherapie (das Mahl als solches fällt mit Brot und Wein eher karg aus), und Jesus macht das Problem auf – die Jünger müssen sich verhalten; sie verhalten sich auch, sind empört („Einer von uns? Nie und nimmer!”). Sie lieben ihren Messias, und sie durchschauen den Plot nicht. Dies ist der Moment, den da Vinci gemalt hat, den andere zwar auch gemalt haben, aber er hat die Dramatik mit seiner denkbar simplen Komposition monumental gemacht.

Judas wird zum schwarzen Schaf bestimmt, er ist kein schlechter Kerl, vielleicht sogar fähig und darum ausersehen, die undankbare Rolle mit der größten Würde zu tragen. Er soll den Heiland ans Kreuz liefern und sich damit für alle Zeiten hassen lassen. Aber: ohne Judas, ohne den Erfüllungsgehilfen, wäre Jesus nicht für uns alle am Kreuz gestorben, hätte er – christlicher Logik gemäß – unsere menschliche Kollektivschuld nicht stellvertretend kreuzweise abarbeiten können. Alle Prozesse sind eben bilapidar, komplex und in ihrem Wesen dialektisch. Hoch lebe Judas, sollten wir sagen. Lasset unsere Söhne Judas heißen.

Judas ist der eigentlich Gebeutelte. Er nimmt die 30 Silberlinge. (Was mögen die an Kaufkraft besessen haben damals?) Auch das natürlich göttlicher Plan: Der Verräter muss sich mit Blutgeld bezahlen lassen, sonst ist er nicht glaubhaft schlecht. Am Ende bringt er sich um. Weil er die Schurkenrolle nicht wegträgt, für die man ihn gecastet hat? Oder weil auch das Inszenierungsbestandteil ist? Immerhin ist er ein Jünger Jesu, und der kann sich unmöglich so fatal geirrt haben. Sein Freitod wird achselzuckend quittiert: Na, wenigstens hat der den Mumm, sich umzubringen, der falsche Hund.

Man sieht: eine vielbödige Geschichte, die da zum Fundament abendländischer Kultur wurde. Verrat als schöpferischer Akt. In solchem Kontext wirkt es fast grotesk, wie sich die anderen Jesus gegen den (scheinbaren) Pauschalvorwurf verwahren: Wahrlich, ich sage euch, einer von euch wird mich verraten. – Um Gottes Willen, wir doch nicht. – Ja, sicher, sie alle nicht. Dafür sind ihre Namen auch nicht annähernd so populär, sprich Allgemeingut geworden wie der des Schlingels Judas.

Wollen wir noch was sagen über die Guten und die Bösen? Dass Mimen im Theater sich um die Schurkenrollen reißen, weil diese einen ergiebigen Konflikt in sich tragen. Und dass Hollywood-Stars inständig hoffen, keine Schurkenrolle angeboten zu kriegen, weil sie sie aus Sorge um Image und Marktwert ablehnen müssten (was wiederum negative Presse zur Folge hätte).

Silvia Hauptmann hat interessiert, wie sich eine Gruppe verhält, die sich an einer Abendmahlstafel in zwölf Jünger plus einen Jesus verpuppen lässt. Stellt sich eine Interaktion her? Wird sich die Gemeinde mit dem von da Vinci eingefrorenen dramatischen Moment identifizieren und dazu verhalten können? (Immerhin ist es nichts weniger als unser christlich-kultureller Kanon, der hier verhandelt wird – auch wenn die DDR-Religion ganz andere Heilige auf den Opferstock gesetzt hat.) Verrat findet schließlich dauernd statt und überall, ist die Triebkraft der Geschichte, die Fliehkraft der Trägheit. Unvorstellbar, welch ein Hintümpeln uns beschieden wäre, wenn die Kreativität des Verrats nicht alle Naselang neu die Karten mischte. Da hatten die alten Märchenerzähler, die die Judasmär erfanden, schon den Finger drauf.

Das Abendmahl da Vincis nachzustellen, ist kein originärer Einfall. Und Silvia Hauptmann legt großen Wert darauf, dass sie das weiß. Selbst für schnöde Werbefeldzüge hielt die Mailänder Szenerie schon her. Das Besondere an ihrer Arbeit ist das Sich-selbst-Genügen. Es ist das absichtslose Spiel mit dem Vor-Bild, die inszenierte momenthafte Begegnung der Protagonisten mit dem Mythos, der, aus dem Olivenhain – oder dem Renaissance-Palast bei da Vinci – in die hohle Werkhalle verlegt, das Geschehen seltsam nah heranzoomt. Wir nehmen eine Position ein, schlüpfen in einen Namen – Johannes, Simon, Taddäus – und lieben unsern Herrn Jesus, dem wir bedingungslose Gefolgschaft gelobten. Wir hören die Anschuldigung und sind empört, im Rollenspiel freilich nur, aber ganz innen schwingt etwas mit, das der Wucht der Legende Respekt zollt.

Eine Zeitreise der filigranen Art. Der letzte Akt vor der sich selbst erfüllenden Prophezeiung, ein Lehrstück in Sachen Endlichkeit – Ultima Scena.

Text: Jürgen B. Wolff


Silvia Hauptmann

1957 in Leipzig geboren
Chemielaborantin
1981 Geburt des Sohnes Paul Martin
seit 1987 freischaffende Fotografin
1990–1994 Photographiestudium an der FH Bielefeld
Arbeit u.a. für „Die Zeit”, „Freitag”, „Frankfurter Rundschau”, „Leipziger Blätter”,
die Ephraim-Carlebach-Stiftung Leipzig, das Tanz&FolkFest Rudolstadt
Ausstellungen in Leipzig, Berlin, Moskau, Kiew, Bielefeld, Erfurt, Plauen, Riesa, Schloß Allstedt …

Kontakt: silviahauptmann[at]t-online.de

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